Hegau-Bodensee-Seminar: Jahresbericht 2008 / 2009

Persönlichkeitsentwicklung

Nellenburg-Gymnasium Stockach

Leitung: Beate Weber

Vorüberlegungen

"Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir" - stimmt das?

Ausgangspunkt bei der Konzeption dieser AG war die Frage, inwieweit die heutige Schule dem Anspruch auf Ausbildung einer umfassend gebildeten Gesamtpersönlichkeit tatsächlich gerecht wird oder werden kann:

Ist also unser Gymnasium mit seinem Fächerkanon und seinen Curricula geeignet, Schüler auf intellektueller, sozialer und emotionaler Ebene auf ihr außer- und nachschulisches Leben vorzubereiten? Wo gibt es vielleicht Ergänzungsbedarf?

Da je nach Perspektive die Antworten unterschiedlich ausfallen dürften, sollte im Rahmen dieser AG der Blickwinkel der SchülerInnen besondere Beachtung finden.

In einem ersten Schritt sollten die Teilnehmer zunächst die für sie lebensbedeutsamen Themen wie z. B. Berufsvorbereitung, Familie, Freunde, Drogen, Wirtschaft etc. nennen, um dann - exemplarisch - zu untersuchen, ob und wie Schule für diesen Bereich Wissen und Fertigkeiten oder Hilfestellung vermittelt.

Die Teilnehmer der AG - sechs Mädchen und vier Jungen aus der Jahrgangsstufe 10 haben folgende Themen genannt:

Da jedes Thema für sich Seminar füllend ist, beschlossen wir, jeweils nur einige Aspekte ausgesuchter Themen zu behandeln.

Schule und Beruf

a) Schlüsselqualifikationen

Hierbei handelt es sich um überfachliche Fertigkeiten, die zur Bewältigung der beruflichen Aufgaben nötig sind. Eine Umfrage bei 800 Unternehmen hat ergeben, dass 44 - 35 % der Befragten angaben, Schulabsolventen hätten deutliche Schwächen bei folgenden Schlüsselqualifikationen:

Die Frage, warum es bei diesen Fähigkeiten besondere Mängel gibt, wurde von den Teilnehmern zwar kontrovers diskutiert, blieb und bleibt aber offen.

Die Schlüsselqualifikationen lassen sich unterteilen in Sozialkompetenz, Methodenkompetenz, Medien- und Handlungskompetenz; nach Expertenauskunft setzt sich beruflicher Erfolg je ungefähr zur Hälfte aus fachlichem und überfachlichem Wissen zusammen.

Besonders Interesse fanden bei den Teilnehmern die sozialen Kompetenzen, auch als Soft Skills bezeichnet: Hierbei geht es um die Fähigkeiten des Menschen im Umgang mit sich selbst und anderen.

Beispiele für Soft Skills sind: Selbstsicherheit, Einfühlungsvermögen, Teamfähigkeit, Selbstdisziplin, Konfliktfähigkeit usw.

Um die Realitätsbezug dieser Erkenntnisse wenigstens ansatzweise überprüfen zu können, planten wir einen Firmenbesuch.

b) ETO-Magnetics in Stockach

Dieses mittelständische Unternehmen konstruiert und produziert elektromagnetische Komponenten für die Fahrzeug- und Industrietechnik. Bei unserem Besuch hatten wir die Möglichkeit, mit dem Personalchef ein Interview zum Thema Schule, Beruf und Ausbildung zu führen.

Als wichtigste Ergebnisse dieses Interviews können folgende Aussagen festgehalten werden:

(ETO-Magnetics in Stockach)

Nach dieser Phase des Sammelns von Informationen beschlossen wir, durch verschiedene praktische Übungen zu versuchen, bestimmte Fertigkeiten und Fähigkeiten zu verbessern.

Hierbei ging es nicht nur um ein Training von Soft Skills als möglichen Job-Talenten, sondern um ein Erlernen oder zumindest eine Verbesserung eben jener Fähigkeiten und Kenntnisse, die die Teilnehmer als bedeutsam für ihr Leben bewerteten.

Nachfolgend finden sich dazu einige Beispiele.

Lebenszielplanung

Eine klare Lebenszielformulierung ist eine ganz entscheidende Voraussetzung dafür, dass man im Leben Erfolg hat.

Bei der Lebenszielplanung geht es um eine mittel- und langfristige Zieldefinition, bei der man sich seine persönlichen Wünsche auflistet und sich ihre Realisierung konkret vorstellt.

In der AG wurde den Teilnehmer diese Aufgabe mit Hilfe eines Fragebogens erleichtert, der das

Augenmerk auf die Bereiche Schule, Familie, Freizeit, Freundschaft, Persönlichkeitsentwicklung, Beruf und das Leben allgemein legte.

Fragen waren z.B. :

Usw.

Anschließend sollten diese persönlichen Ziele nach ihrer Priorität geordnet und in ihrer zeitlichen Dimension festgelegt werden.

Unsere persönliche Lebenszieldefinition ist wesentlich von äußeren Faktoren wie Erziehung, Medien, gesellschaftlichen Normen usw. be- einflusst; sich der eigenen Lebenseinstellung(en) und Rollenprägungen bewusst zu werden, war daher ein Teil der Aufgabe. Entsprechende Tests und Rollenspiele sollten helfen, dies zu erreichen.

Selbstdarstellung und persönliches Auftreten

Die kompetente Präsentation von Kenntnissen, Materialien, persönlichen Ansichten usw. sowie ein angemessenes oder auch positiv wirkungsvolles Auftreten nahmen einen großen Raum innerhalb der AG ein: Es war ein zentrales Anliegen der Teilnehmer, sich der persönlichen Wirkung auf andere bewusst zu werden, das individuelle Auftreten angemessen zu beurteilen und , wo nötig und möglich, entsprechend zu verbessern.

Grundlage der Analyse waren dabei verschiedene Rollenspiele oder Präsentationsaufgaben, die, vorbereitet oder spontan, bewältigt werden mussten und dabei filmisch dokumentiert wurden. Die anschließende Untersuchung und Beurteilung mit Hilfe verschiedener Bewertungsraster gab Einblick in persönliche Stärken und Schwächen.

In den nun folgenden Sitzungen ging es um verschiedene Fragestellungen zum Thema Körpersprache:

Die sich jeweils anschließenden praktischen, oft theater-pädagogischen Übungen dienten der eigenen Körperwahrnehmung und der bewussten Gestaltung der Körpersprache.

Ein besonderes Augenmerk galt dem Atem und seiner Wirkung auf die Gesamtverfassung: So wie ein schneller und flacher Atem Gehetzheit und Angst bewirken oder begünstigen kann, führt ein tiefer und gleichmäßiger Atem zur Ruhe und Entspannung.

Spezielle Atemtechniken machten eben diese Wirkungen bewusst und sollten so zu mehr Souveränität führen.

Eng damit verbunden waren eine Vielzahl von Aufgaben zur Stimmbildung bzw. Sprechgestaltung, die das individuelle Repertoire erweitern und die Selbstsicherheit festigen sollten.

Probleme und Krisen und deren Bewältigung

"Das Glück des Lebens besteht nicht darin, wenig oder keine Schwierigkeiten zu haben, sondern sie alle siegreich und glorreich zu überwinden." (Carl Hilty)

Der Anspruch, aus allen uns begegnenden Schwierigkeiten siegreich hervorzugehen, ist sicher zu hoch; aber die grundsätzliche Akzeptanz von Herausforderungen als Teil des Lebens sowie die Kenntnis verschiedener Problemlösungs-strategien erleichtern den Umgang mit schwierigen Situationen. Konfrontiert mit unterschiedlichen Aufgaben zum Beispiel aus dem Bereich der Erlebnispädagogik sollten die Teilnehmer als Gruppe/ Teilgruppe oder auch alleine Lösungen entwickeln.

Bei den eher spielerischen oder auch ganz praktischen Aufgaben ging es weniger um die Lösung selbst, als vielmehr den Weg dorthin. Die verschiedenen Lösungsprozesse verlangten Kreativität, Teamwork, Verantwortungsbewusstsein, Durchhaltevermögen und eine gewisse Frustrationstoleranz - am Ende belohnte der Erfolg, die Aufgabe "irgendwie" gelöst zu haben.

Häufige Probleme des täglichen Lebens sind die mit unseren Mitmenschen, so dass wir uns mit die Frage stellten, wie wir mit zwischenmenschlichen Konflikten angemessen umgehen können. Auch hier konnte im Rahmen der AG natürlich nur ein kleiner Teil realisiert werden und so beschäftigten wir uns mit angemessenen Reaktionen bei Missverständnissen oder Provokationen. Grundlage waren dabei aktuelle Modelle zur Konfliktbewältigung oder Deeskalation, die wir dann im Rollenspiel erprobten. Auch wenn hierbei etliche vorgeschlagene "Lösungen" für die Teilnehmer nicht nachvollziehbar waren, wurde doch ihr Handlungsrepertoire erweitert.

Zum Abschluss noch einige Zitate der Teilnehmer:

© Beate Weber