Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, liebe Gottesdienstgemeinde,
"geh deinen Weg" - zu diesem Leitwort passt das Evangelium, wenn auch auf eine ungewöhnliche Weise, da Seewege, ob mit dem Schiff oder zu Fuß, so eine Sache für sich sind. Diese "Wundererzählung" ist klar und verständlich - und gerade so ist sie durchaus anziehend, Beteiligung stiftend. Klar ist: es "handelt" von Gefahr und Rettung; klar ist: Jesus steht im Mittelpunkt, als der Betende, der Handelnde, der Weggefährte, der zugleich sehr fern und sehr nah wirkt und in beidem von einem Geheimnis umgeben ist; und dann gibt es - ebenfalls klar - die Gruppe im Boot, von der sich Petrus als Einzelner abhebt und der für uns so etwas wie ein Identifikationsangebot sein kann. Was zeigt die Erzählung über ihn und seinen Weg? Erstens: Petrus verlässt das Boot, ein echter Aussteiger, er besitzt Selbstvertrauen, Mut, Risikobereitschaft, die Haltung des "das kann ich doch!" - er könnte sich heute überall bewerben! Er realisiert insofern menschliche Möglichkeiten, er nimmt sich die Freiheit zu gehen. Aber sein Mut zum eigenen Weg ist motiviert durch das Vertrauen stiftende Wort Jesu an die Gruppe - "Habt Mut!" -, das er in durchaus selbstständiger Weise auf sich anwendet, indem er Jesus den Ball zuspielt, ihm sein Vertrauen ausspricht. Jesus provoziert durch sein Wort "Komm!" in Petrus einen "Mutanfall", um einen Ausdruck von Dorothee Sölle zu gebrauchen. Er eröffnet einen Weg, wo sonst keiner ist, wobei er Petrus das Gehen, die "eigene Arbeit" nicht abnehmen will, sondern herausfordert, er gibt der Freiheit des Petrus Raum, er bringt das Denkmuster und Koordinatensystem von dem, was möglich und was unmöglich ist, durcheinander, indem er beides auf geheimnisvolle Weise verbindet. Auch Petrus selbst verbindet in seinem Gehen beides, seine eigenen Fähigkeiten und die zugesprochenen, geschenkten Möglichkeiten. Dabei ist sein eigener Weg gegen niemanden gerichtet - Petrus rennt niemanden um! Zwischen Jesus und Petrus bildet sich im Weggeschehen ein zartes Wir - sehr wagemutig könnten wir es vielleicht mit der Obama-Formel zu beschreiben suchen "Yes we can!".
Zweitens: Obwohl Petrus Erfolg hat, bricht er plötzlich, die "Wirklichkeit" wahrnehmend, ein, übernimmt wieder das Schema F, die Einteilung, die "Vermessung der Welt" in das Menschenmögliche und das Unmögliche, seine Freiheit beim Gehen gerät in der existenziellen Angst ins Schwindeln, "no, I cannot", und er tut das einzig Sinnvolle: er bittet Jesus um Rettung. Auch Jesus tut das Richtige, streckt die Hand für Petrus aus und spricht ihn an. Jenseits eines Tadels wegen "Kleinglaubens" und Zweifels stellen die Anrede und die Frage ein neues Beziehungsangebot an Petrus dar. Und drittens: Das letzte Wort hat die Gruppe einschließlich Petrus im Boot, es ist ein Bekenntnis, in dem ihre Erfahrungen und das Geheimnis Jesu zum Ausdruck kommen: "...du bist Gottes Sohn." Die urmenschliche Frage nach dem Können und dem Nichtkönnen wird hineingegeben in das bekennende Gebet - "Yes we pray!"
Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, was kann euch dieses Evangelium mitgeben? Ihr seid dabei, euch von der bisher tragenden Gruppe mehr oder weniger stark zu lösen. Ihr braucht die Entschiedenheit zum eigenen Weg, wobei jedoch auch Fragen oder Sorgen auftauchen: ich nenne Stichwörter wie Studien- oder Ausbildungsplatz, Suche nach einem Zimmer, einer Wohnung, Anschluss an einen neuen Freundeskreis, oder einige von euch sind überhaupt noch "am Überlegen", wie es weitergeht. Ihr braucht Mut, aber auch: die Menschen, mit denen ihr zu tun haben werdet, brauchen euren Mut, der natürlich nicht einfach irgendwo herkommt, sondern der auf der Grundlage eueres Wissens, eurer Fähigkeiten, eurer Erfahrungen im bisherigen Leben zum Tragen kommen kann. Es gibt heutzutage Soziologen, die bei ihren Studien zu dem Ergebnis kommen, dass ihr, die Zwanzigjährigen, zwar mittelfristig angesichts der Bedarfslage auf dem Arbeitsmarkt gute Chancen im Beruf und in der Einwurzelung in die Gesellschaft habt, dass ihr aber die Sachlage falsch betrachtet - sozusagen wie Petrus nur auf den Sturm starrt, und das auch noch zu früh, bevor ihr überhaupt gegangen seid -, dass ihr also eine Generation ohne Mut seid!
Deshalb: Widerlegt die Soziologen, nehmt auf der Grundlage der bisherigen Erfahrungen euren Mut zusammen - auch auf der Grundlage euerer bisherigen Glaubens-Erfahrungen mit Jesus Christus. "Herr, wenn du es bist"… es ist ein Wort der Suche und des Vertrauens; nehmt das Wort "komm!" an und geht damit auf dem Lebensweg im Blick auf den, der es immer spricht, der euch ermutigt zum je eigenen Leben, dies natürlich nicht als Einzelkämpfer oder Einzelkämpferin, sondern erstens mit den Leuten im Boot im Rücken, in der fortdauernden Beziehung zur Familie, zu Freunden, und zweitens mit neuen Weggefährten. Jesus nimmt euch bestimmt nichts ab, er manipuliert nicht die Vergabe von Studien- oder Ausbildungsplätzen, verschafft euch nicht eine Wohnung, er tut nichts zur Aufbesserung euerer Finanzen und er schickt euch auch nicht einfach den Traummann oder die Traumfrau, aber er ermutigt euch zu dem, was ihr könnt, und zu dem, was euere abschätzbaren Möglichkeiten übersteigt, zu einer geduldigen und ernsthaften Berufs- und Lebensplanung, zu einem gelingenden Miteinander, zu Freundschaft und Partnerschaft. Und wenn die Krise kommt oder die Angst - vielleicht in einem quälenden Zweifel an der Sinnhaftigkeit eines Studiums oder einer Ausbildung, gar in einem Scheitern, vielleicht auch in einem Scheitern im Miteinander, in der Partnerschaft -, dann bleibt nicht stumm, versinkt nicht in einen Psychotrip, sondern sprecht auf eure Weise das "Herr, rette mich", das erstens ehrlich ist und das zweitens mehr noch ein Wort des freien und entschiedenen Kontaktes zu dem ist, der - wie im Evangelium - immer in der Nähe ist und dessen schöpferische Macht Wege eröffnen kann. Die ausgestreckte Hand Jesu wird gewiss nicht so einfach vorstellbar sein wie im Evangelium, sein Wort zur Stärkung des Glaubens wird anders lauten als bei Petrus, aber sie werden nicht ausbleiben. Geh deinen Weg - auch in der Krise, lebt auch in der Krise eine schöpferische und konstruktive Haltung, die nicht nur für euch als Einzelne wichtig ist, sondern die auch notwendig ist für unsere Gesellschaft, in der etliche Menschen in einer Krise unterzugehen drohen.
Und natürlich sind die Leute im Boot nicht unbeteiligte Zuschauer, euere Familie, euere Angehörigen, der Freundeskreis leiden mit, wollen vielleicht raten und helfen, ohne jedoch euch etwas abnehmen zu können, und sie freuen sich über eure Rettungserfahrungen. Und vom Evangelium her gehört noch etwas Drittes zu dem eigenen Weg: die Verarbeitung des Ganzen, das einem widerfahren ist, aber nicht nur in einem psychologischen Sinn, sondern im Sinne eines vom Glauben getragenen Wortes: "Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn"; es enthält in sich Einsicht, Dank, Freude, Bekenntnis, es sammelt überhaupt alle Erfahrungen in sich, indem es gerade nicht selbstverfangen, bleibt, sondern sich an Jesus richtet, sein Geheimnis ausspricht und wahrt, eine Beziehung zu ihm artikuliert. Dieses Bekenntnis ist wertvoll für euch, für die Stimmigkeit eures Lebens, es ist auch wichtig für unsere Gesellschaft, die durch eine Vielfalt von Worten der "Meinungsfreiheit" geprägt ist, die zugleich wesentliche Erfahrungen nicht orten und aussprechen kann und die die rettenden Worte und den, der sie spricht, oft ins Gespenstische verweist. "Ändere die Welt, sie braucht es!", so sagt der Dichter Bert Brecht, und seine Aussage hat viel für sich; heute im Abigottesdienst heißt es für euch: "Geh deinen Weg, Gott traut es dir zu, die Gesellschaft braucht es." Anders formuliert: "Lebe deinen Glauben, der Freiheit und Mut zum Gehen ist, der in der Angst der Ruf nach Rettung ist, der das offene, je persönliche und zugleich gemeinsame Bekenntnis ist." Euch, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, die ihr jetzt geht, und Ihnen, die Sie "im Boot" zurückbleiben und mit der neuen Situation zurechtkommen müssen: Familien, die Angehörigen, Freunde, die Schulgemeinschaft: also zu uns allen spricht Jesus "Habt Mut, fürchtet euch nicht!"
Richard Lorenz